Horizonte 6 – Teil B (Takimo 26)

In seinem Brief an Remond vom 10. Januar 1714 beschreibt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), wie er zu seiner Metaphysik der Monaden gefunden hat:
„Noch als Kind lernte ich den Aristoteles kennen, und selbst die Scholastiker schreckten mich nicht ab, was ich auch heute noch nicht bedauere. Sodann las ich Platon und Plotin mit Befriedigung, ganz zu schweigen von den anderen Alten, die ich späterhin zu Rate zog. Als ich mich nun von der trivialen Schulphilosophie befreit hatte, verfiel ich auf die Modernen, und ich erinnere mich noch, daß ich im Alter von 15 Jahren allein in einem Wäldchen nahe bei Leipzig, dem sogenannten Rosental, spazieren ging und bei mir erwog, ob ich die substantiellen Formen beibehalten sollte. Schließlich trug der Mechanismus den Sieg davon und veranlaßte mich, mich der Mathematik zu widmen, in deren Tiefen ich allerdings erst durch meinen Verkehr mit H. Huyghens in Paris eindrang. Als ich aber den letzten Gründen des Mechanismus und der Gesetze der Bewegung selbst nachforschte, war ich ganz überrascht zu sehen, daß es unmöglich war, sie in der Mathematik zu finden, und daß ich zu diesem Zwecke zur Metaphysik zurückkehren mußte. Das führte mich zu den Entelechien, d.h. vom Materiellen zum Formellen zurück und brachte mich schließlich, nachdem ich meine Begriffe verschiedentlich verbessert und weitergeführt hatte, zu der Erkenntnis, daß die Monaden oder die einfachen Substanzen die einzigen wahrhaften Substanzen sind, während die materiellen Dinge nichts als Erscheinungen sind, die allerdings wohl begründet und untereinander verknüpft sind. Hiervon haben Platon, ja selbst die späteren Akademiker und Skeptiker etwas geahnt […] Ich habe gefunden, daß die meisten Sekten in einem guten Teil dessen, was sie positiv behaupten, recht haben, weniger in dem, was sie leugnen. Die Formalisten, wie die Platoniker und Aristoteliker, haben recht darin, die Quelle der Dinge in formalen Zweckursachen zu suchen. Unrecht haben sie nur darin, die wirkenden und die materiellen Ursachen zu vernachlässigen und daraus, wie Henry More und andere Platoniker, den Schluß zu ziehen, daß es Phänomene gibt, die nicht auf mechanische Weise erklärt werden können. Andererseits aber tun die Materialisten oder diejenigen, welche sich einzig und allein der mechanischen Philosophie hingeben, unrecht daran, alle metaphysischen Erwägungen zurückzuweisen und alles aus bloß sinnlichen Prinzipien erklären zu wollen. Ich schmeichle mir, in die Harmonie der verschiedenen Reiche eingedrungen zu sein und erkannt zu haben, daß die beiden Parteien recht haben, vorausgesetzt, daß sie gegenseitig ihre Kreise nicht stören, daß also alles in den Naturerscheinungen gleichzeitig auf mechanische und auf metaphysische Weise geschieht, daß aber die Quelle der Mechanik in der Metaphysik liegt.“
(Philosophische Werke III, 606 f. Gerhardt = II, 459 Buchenau-Cassirer)

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Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) gilt neben Aristoteles als einer der größten Universal­gelehrten (Polyhistor)

Bevor Leibniz seine Monadologie (eine „Theorie der Einheit“) entwirft, studiert er die metaphysischen Systeme seiner Zeit sehr genau.

An Descartes’ System stört Leibniz vor allem der extreme Dualismus zweier Substanzen: die Ausgedehnte Substanz (res extensa), die nach mechanischen Gesetzen von Druck und Stoß funktionierenden Körper-Maschinen, und die unausgedehnte, punkthafte Denkende Substanz (res cogitans). Alle späteren Versuche, diesen aufgerissenen Abgrund zwischen Materie und Geist wieder zu schließen (Malebranche, Spinoza), erklärt Leibniz für gescheitert.
Descartes hat zwar den Substanzbegriff von Aristoteles übernommen, aber ihn auch wesentlich umgestaltet. Der Individuellen Substanz (Erste Substanz) des Aristoteles entspricht in etwa die Denkende Substanz Descartes’ (Descartes setzt das Wesen des individuellen Menschen mit dem Ich gleich). Als eine weitere Substanz seines Systems nimmt Descartes jetzt aber plötzlich die ausgedehnte Materie, die Zweitmaterie, der im System des Aristoteles gar keine eigene Substanz entspricht. Damit geht die ganze innere Geschlossenheit des Aristotelischen Systems verloren. Das ist auch der Hauptkritikpunkt Leibniz’ an Descartes’ metaphysischem System. Zweitmaterie (in Zukunft einfach als Materie bezeichnet) kann niemals eine eigene Substanz sein, da sie immer schon ein Zusammengesetztes (aus Substantieller Form und Erstmaterie) ist und als eine Erscheinung im Kontinuum von Raum und Zeit bis ins Unendliche teilbar ist. Nach Leibniz können die wahren Atome (als letzte unteilbare Einheiten) nicht in der Materie (aufgrund ihrer unendlichen Teilbarkeit) gefunden werden.

Wo aber finden sich dann diese letzten unteilbaren Einheiten, wenn es sie denn überhaupt gibt? Für Leibniz existieren diese letzten unteilbaren Einheiten, und er nennt sie Monaden. Er findet sie in den Individuellen Substanzen des Aristoteles. Leibniz nennt sie auch Substantielle Formen, Entelechien („das Ziel in sich haben“, ein Begriff der von Aristoteles stammt) oder forces primitives (ursprüngliche Kräfte). Wo also befinden sich diese Monaden? Nicht in dem uns bekannten Raum, darum nennt Leibniz sie manchmal auch metaphysische Punkte. Aber die mathematische Wissenschaft vom Raum ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass sich heute auch der Ort der Monaden angeben lässt. Wie sich noch zeigen wird, sind es die Projektiven Räume, die neben dem gewöhnlichen Raum auch noch Sehpunkte enthalten. Damit sind wir auch schon beim nächsten Stichwort: Sehpunkt bzw. Perspektive.

Das Leibnizsche Universum ist ein durch und durch perspektivisches Universum und der Begriff der Perspektive ist für seine Konzeption der Monade entscheidend:
„Und wie eine und dieselbe Stadt von verschiedenen Seiten betrachtet ganz anders und gleichsam perspektivisch vervielfacht erscheint, so kommt es auch, daß es infolge der unendlichen Vielheit der einfachen Substanzen ebenso viele verschiedene Universen gibt, die dennoch nur die unterschiedlichen Perspektiven eines einzigen gemäß den verschiedenen Gesichtspunkten jeder Monade sind.” (Leibniz, Monadologie §57)

Der Begriff „Perspektive“ ist dem Bereich des Visuellen entnommen. In der Perspektive wird der optische Zugang zu einem bestimmten Phänomen aus verschiedenen Sehpunkten (Blickwinkel, Gesichtspunkt, point de vue) heraus thematisiert. Bei Berücksichtigung der überragenden Rolle, die das Sehen seit jeher für die Erkenntnistheorie gespielt hat, ist „Perspektive“ auch Ausdruck für den Akt der Repräsentation eines Originals (Urbild) in Form eines Abbildes. Platons Ideenwelt spielt dabei die Rolle des Urbildes, und die Welt der Erscheinungen (Phänomene, Materie in Raum und Zeit) die des Abbildes (die Schatten an der Wand).
In der Renaissance erhält die Perspektive als Zentralperspektive zunächst Eingang in die Kunst (Malerei) und später in der Projektiven Geometrie auch ein mathematisches Gewand.

Wie genau konstruiert nun Leibniz seinen Begriff der Monade? In der Zentralperspektive der Malerei ist das Auge mit dem Original (Urbild) durch sogenannte Sehstrahlen verbunden. Diese bilden in ihrer Gesamtheit die Sehpyramide, mit dem Auge an der Spitze. Ein Abbild entsteht dann durch einen Schnitt mittels einer Ebene (die Leinwand, Albertis Fenster) durch die Sehpyramide. Aufgrund dieser speziellen Art der Konstruktion in der Zentralperspektive ist im Abbild eine – nicht sofort als solche erkennbare – Ordnung präsent: Jeder Punkt des Abbildes ist auf den ursprünglichen Sehpunkt hin geordnet, der selbst außerhalb des Bildes liegt.

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Zentralperspektive nach Leon Battista Alberti Urbild (Würfel) – Abbild (Wand) – Sehpunkt (Auge) Quelle: Häßler 1996

Das dient Leibniz als Leitbild für seine Konzeption der Monadologie:

Von Descartes übernimmt er nur die ausdehnungslose punkthafte Substanz, das „Ich denke“, und identifiziert es mit dem Sehpunkt der Zentralperspektive.
So beschreibt Leibniz in den Prinzipien der Natur und der Gnade die Monade als ein Zentrum (bzw. geometr. Punkt), das durch die in ihm zusammentreffenden Linien gebildet wird und in dem sich eine unendliche Anzahl von Winkeln findet. Die Anzahl der Winkel entspricht den Mannigfaltigkeiten der Welt, die die Monade ausdrückt.

Die Sehstrahlen nennt er Perzeptionen, das sind Wahrnehmungen bestimmter Bewusstseinsstufen, oder wie es Leibniz selbst ausdrückt: „Eine Perzeption ist die Darstellung, die Repräsentation des Vielen im Einem bzw. des Zusammengesetzten im Einfachem“. Dem „Vielen und Zusammengesetzten“ entspricht dabei das Abbild der Zentralperspektive (die Welt der Materie, wo die causa efficiens regiert) und dem „Einen und Einfachen“ der Sehpunkt (die Welt der Monaden, das Reich der causa finalis).

Damit die Monadologie vollständig ist, fügt Leibniz seinem System auch noch die Erstmaterie des Aristoteles hinzu, die materia prima, und sie ist entscheidend für das, was Leibniz eine „Prästabilierte Harmonie“ nennt. Sie ermöglicht es, dass jede Monade ein lebendiger, der inneren Tätigkeit fähiger Spiegel des gesamten Universums – und damit ein Mikrokosmos sein kann.

Bei Leibniz gibt es nichts Totes in der Natur, alles ist ihm voller Leben, unterschieden nur durch Stufen des Bewusstseins. Im Mineralreich liegt die Monade noch in einem tiefen traumlosen Schlaf versunken. Das Pflanzenreich zeigt dann schon erste zaghafte Regungen des Bewusstseins, und im Tier ist das Leben bereits voll erwacht. Ein Tier hat klare Wahrnehmungen, Empfindungen und ein Gedächtnis. Beim Menschen kommt dann schließlich auch noch der Verstand hinzu.

Fassen wir zusammen: Die Monaden sind ausdehnungslose, nicht weiter teilbare Punkte, Träger verschiedener Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstufen und so etwas wie elementare Bewusstseins-Atome. Diese formen in einem Lebewesen eine hierarchische Ordnung. Das Fundament bilden die noch bewusstlosen Monaden und oben auf der Spitze befindet sich die Zentral-Monade, das „Ich denke“ Descartes’ und später die „Transzendentale Apperzeption“ Kants.
Diese hierarchische Ordnung der Monaden spiegelt sich in der organischen Ordnung der Körper von Lebewesen wieder. Von den Molekülen über die Zellen, dann weiter zu den verschiedenen Organen, bis hin zum Körper als Ganzes ist alles hierarchisch geordnet.
Aber diese sichtbare materielle Ordnung ist für Leibniz nur Abbild, Erscheinung, Phänomen. Der bis ins unendlich Kleine organisch durchstrukturierte Körper eines Lebewesens findet seinen Grund in einer tiefer liegenden Schicht, dem Reich der Monaden, die zusammen ein bewusstes, perspektivisch geordnetes Universum konstituieren. Der Körper in Raum und Zeit ist nur der sichtbare Teil jener größeren und umfassenderen Ordnung.

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Das Bild zeigt eine Faksimile-Reproduktion der Leibnizhandschrift Monade (von Monas, griech. Einheit, Einfachheit). Leibniz verwendete diesen philosophischen Terminus erstmals 1696.

Hätte man Leibniz z.B. gefragt, ob Computer eines Tages zu Bewusstsein gelangen könnten, wenn ihre Rechenleistung nur groß genug wäre, dann hätte er voraussichtlich ohne lange nachdenken zu müssen mit Nein geantwortet. Und warum? Weil die Bausteine von Computern (gleichgültig wie schnell sie rechnen, wie groß der Speicher und wie geschickt die Programmierung ist) nicht diese organische Struktur bis ins unendlich Kleine besitzen. Diese fraktale Struktur ist für Leibniz ein sichtbares Zeichen für Bewusstsein. Fehlt diese fraktale Struktur, fehlt auch Bewusstsein.

Aus dem eingangs zitierten Brief an Remond wird ersichtlich, dass es für Leibniz zunächst völlig unverständlich war, wie aus lebloser Materie, die unter mechanischen Gesetzen steht, eines Tages plötzlich Wahrnehmung, Bewusstsein und freie Handlung entstehen sollte. Leibniz sah sich daher gezwungen, das vorherrschende mechanistisch geprägte Weltbild so zu erweitern, dass es widerspruchslos Bewusstsein und Freiheit miteinschließen konnte. Das Ergebnis, die Monadologie, war radikal, bis heute wenig verstanden und gilt für viele eher als ein Kuriosum der Philosophiegeschichte als eine wissenschaftliche Welterklärung. Mit dazu beigetragen hat sicher auch die „Fensterlosigkeit“ seiner Monaden. Leibniz war ein konsequenter und kompromissloser Denker.

Da jede Monade von ihrer Grundkonzeption her Individuelle Substanz ist, kann es schon per Definition der Substanz keine Beeinflussung von außen geben (Fensterlosigkeit), kann keine Substanz eine andere Substanz beeinflussen. Das war schon das große ungelöste Problem bei Descartes.

Leibniz hat diesem Umstand durch seine Prästabilierte Harmonie Rechnung getragen. Danach trägt jede Monade das ganze Universum, auch das Vergangene (sie geht sogar mit dem Zukünftigen schwanger) potentiell in sich. Unterscheiden tun sich die Monaden nur dadurch, was und wieviel von diesem Potentiellen in ihnen bereits aktualisiert bzw. bewusst gemacht wurde und wieviel davon noch unbewusst ist. Die Monade ist darum auch immer ein lebendiger Spiegel des Universums (un miroir vivant de l’univers), ein Spiegel mit jeweils unterschiedlichen, ganz individuellen Reflexionsfähigkeiten. Dadurch aber, dass jede Monade ein lebendiger Spiegel des ganzen Universums ist – in dieser Einheit ihrer Vorstellungsinhalte – stehen alle Monaden trotz der Individualität ihrer Reflexionsvermögen wieder in Einklang miteinander.

Einwand: Aber wenn ich z.B. über einen Stein stolpere, könne ein Außenstehender doch sehen und ich selbst auch spüren, dass eine Wirkung von Außen ausgeübt wird. Wo bleibt da die Fensterlosigkeit der Monade?

Wie bereits erwähnt trägt jede Monade das gesamte Universum perspektivisch in sich, und darum sind Stein und stolpernder Körper beides Erscheinungen (bzw. wohlbegründete Phänomene, wie Leibniz es nennt) derselben Monade. Auf dieser Ebene steht alles unter der Herrschaft der Wirkursache (causa efficens). Diese Ebene der Phänomene ist kausal geschlossen und bedarf keiner übernatürlichen Einflüsse und Erklärungen. Hier steht alles in einer endlosen Kette von Ursache und Wirkung.
Parallel dazu gibt es aber jenen Bereich der Monade, in dem alles nach Zweckursachen (causa finalis), nach Motiven geschieht. Der Schmerz, den ich beim Stoß am Stein erfahre, ist Teil der Perzeptionen meiner Monade, aber auch der Stein ist eine perspektivische Darstellung, ein Phänomen meiner Monade. Somit ist der Stein Teil meines individuellen monadischen Universums, und meine Monade als Substanz wird demzufolge nicht von etwas ihr Fremden von außen beeinflusst, es kommt nichts Fremdes durch ein Fenster in sie hinein, da sie ja ohnehin schon das ganze Universum (größtenteils nur potentiell) in sich enthält.

Eine sicher nicht ganz leicht nachzuvollziehende Vorstellung, aber eine die sich lohnt, denn aus einer eng begrenzten Körperlichkeit wird bei Leibniz plötzlich ein ganzes Universum. Die Außenwelt erscheint nur deshalb als etwas Fremdes, vom eigenen Körper abgegrenztes, weil das individuelle Bewusstsein bisher nur einen recht kleinen Teil des in jeder Monade potentiell enthaltenen unendlichen Universums aktualisiert hat.

Also auch hier bei Leibniz begegnen wir wieder der antiken Vorstellung, dass der Mensch ein Mikrokosmos sei, dass das, was ihm sichtbar als Außenwelt erscheint, nur ein geringer Teil eines noch viel größeren, aber nur potentiell vorliegenden Universums ist, von dessen wahrer Größe und Tiefe er nichts wissen kann, nur, dass es in seinem Inneren bereit liegt und auf seine Aktualisierung wartet. Die Aufforderung der griechischen Antike „Erkenne, wer Du im Kern deines Wesens bist, und dann werde es“ (Pindar) steht hier plötzlich wieder in neuer Gestalt vor uns.

Dieser Zusammenhang von Außen und Innen war es wohl auch, der Kant einst jene berühmten Worte niederschreiben ließ, mit denen er seine ganze Bewunderung und sein Staunen über „den Sternenhimmel über ihm und das moralische Gesetz in ihm“ zum Ausdruck brachte.

Weiter wird es dann auch mit Kant gehen und danach gibt es etwas Mathematik und Physik.

Hermann Weyl, ein großer Mathematiker, Physiker und Philosoph, schrieb 1918 in der Einleitung zu Raum•Zeit•Materie:
„Trotz des entmutigenden Hin- und Herschwankens der Philosophie von System zu System können wir nicht darauf verzichten, wenn sich nicht Erkenntnis in ein sinnloses Chaos verwandeln soll.“


Zur Fortsetzung:   Horizonte 7 – Teil A   〉〉〉

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