Traum (Takimo 5)

Schlaf ist eine Lebensnotwendigkeit. Der Mensch befindet sich durchschnittlich ein Drittel seines Lebens in diesem Zustand. Im Schlaf erholt sich der Mensch und schöpft neue Kraft für den Wachzustand. Obwohl sich die Menschheit während ihrer gesamten Geschichte immer wieder mit dem Schlaf beschäftigt hat, bleibt er bis heute ein großes Geheimnis.

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Flaming June von Lord Frederick Leighton (Öl auf Leinwand, 1895)

Mit dem Einschlafen verlassen wir wie durch eine unsichtbare Tür unsere gewohnte Welt. Die Welt des Schlafens und die Welt des Wachens sind so verschieden, dass man meinen könnte, jeder von uns würde in zwei Welten leben. Der Unterschied zeigt sich besonders deutlich, wenn wir nachts plötzlich aus dem Schlaf erwachen und nicht sofort wissen, wo wir sind.

Heraklit (540-480 v. Chr) sagte: “Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt (koinos kosmos), die Schlafenden aber wenden sich jeder seiner eigenen Welt (idios kosmos) zu.”


Zur Geschichte des Traums

Wohl zu keiner Zeit waren den Menschen ihre Träume gleichgültig. Jedoch gab es zu verschiedenen Zeiten verschiedene Auffassungen über Wesen und Herkunft und damit über die Bedeutung von Träumen:

In den östlichen Philosophien und Religionen wurde der Schlaf zuweilen als der eigentliche, wahre Zustand des Menschen dargestellt, in dem Individuum und Universum eins sind. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi* (365-290 v. Chr) schrieb: “Alles ist eins; im Schlaf ist die Seele ungestört und aufgenommen in diese Einheit; im Wachen hingegen ist sie abgelenkt und sieht die verschiedenen Gegebenheiten der Welt.”

In den altindischen philosophischen Texten der Upanishaden wurden die folgenden Seinsformen unterschieden: Der Wachzustand, der Zustand des Träumens, der Zustand des Tiefschlafs und der überbewusste Zustand des eigentlichen Selbstes.
“Wenn man tief schläft, ruhig und heiter, das ist das Selbst (Atman), das ist das Unsterbliche, Furchtlose, das ist Brahma.” (Upanishaden)

Die ägyptische Traumlehre hatte, wie auch später bei den Griechen, den Charakter einer empirischen Wissenschaft. Zu den Disziplinen, die im ägyptischen Kollegium studiert und überliefert wurden, gehörte die Traumdeutung. Die ägyptische Kosmographie hat sowohl die Träume als auch die Toten im Nun-Ozean bei den “Toren der Sonne” lokalisiert.

Die Ähnlichkeit von Schlaf und Tod wurde bei den Griechen durch das Gebrüderpaar Hypnos und Thanatos symbolisiert. Hypnos (Schlaf), Thanatos (Tod) und Oneiros (Traum) sind in der griech­ischen Mythologie unzertrennliche Brüder, Kinder der Nacht (Nyx).

asklepio

Asklepios mit dem Schlangenstab (Äskulapstab)

Auch der Asklepioskult stammt aus dem alten Griechenland. Kranke legten sich in den Tempeln des Asklepios (griechischer Gott der Heilkunde) zum Schlafen nieder, um im Traum das für sie richtige Heilmittel zu erfahren.

Die umfassendste und in mancher Hinsicht bis heute unübertroffene “Traumtheorie” stammt von Aristoteles (384-322 v. Chr). Er versteht den Traum als das Seelenleben während des Schlafs und erklärt ihn damit als Gegenstand der Psychologie. Aristoteles legte sich auch als erster die Frage vor: “Ob die Schlafenden immer träumen und sich nur nicht immer erinnern, und wenn ja, warum dies.” Und schließlich war es auch Aristoteles, der zuerst Beobachtungen über rasche Augenbewegungen während des Schlafs niederschrieb. Ihm war aufgefallen, dass schlafende Jagdhunde schnelle Augenbewegungen haben. Daraufhin nahm er an, dass Tiere höherer Spezies träumen. Heute werden diese Augenbewegungen “Rapid Eye Movements” (REM) genannt und sind zur Grundlage der physiologischen Schlafforschung geworden.

1899 veröffentlichte Sigmund Freud “Die Traumdeutung”. Damit wurde der Traum nach über 2000 Jahren wieder zum Bestandteil der Therapie. Nach Freud ist jeder Traum eine “Erzählung”, die einen oder mehrere Wünsche ausdrücken. Auf den ersten Blick sei mancher Traum verwirrend und rätselhaft, doch die Analyse verdeutliche, dass er der unverfälschte Ausdruck der oft verborgenen und uneingestandenen Wünsche des Träumers sei. Freud interpretierte jeden Traum, der ihm berichtet wurde, in diesem Sinne.
Was Freuds Anhänger als psychologischen Spürsinn bewunderten, verspotteten seine Gegner als erotomanische Spitzfindigkeiten.

Einen anderen Weg ging C.G. Jung, ein Schüler von Sigmund Freud. C.G. Jung betrachtete das Träumen als eine der Möglichkeiten, das Geheimnis unseres Lebens und den Sinn unserer Existenz zu ergründen. Er nahm an, dass in einer tieferen Schicht der Psyche, tiefer als das persönliche Unbewusste, ein kollektives Unbewusstes existiert. Dieses kollektive Unbewusste sei eine Art geistige Erbmasse, die nach Jung in jeder Gehirnstruktur wiedergeboren wird, eine Erbmasse der Menschheitsentwicklung. Aus dieser Schicht des Unbewussten kämen auch die großen, bedeutsamen Träume, die C.G. Jung die archetypischen Träume nannte.
Genauso wie Sigmund Freud hat auch C.G. Jung bis heute seine Anhänger und Gegner.

Wie auch immer man das Träumen interpretiert, seine Erkundung führt in die Welt des Unbewussten. Die Träume aus diesem Unbewussten zeugen oft von einer überlegenen Intelligenz. Es ist, als ob ein zeitloser Geist dort zu uns spräche, wie wenn ein Hauch aus der großen Welt der Gestirne und der endlosen Räume uns berührte. Der Traum als eine Forderung der Evolution an uns: “Werde der du bist.” **


Vom Schlaf der Tiere

Und was ist mit den anderen Lebewesen?
Träumen Katzen von der Mäusejagd, wenn sie im Schlaf mit den Pfoten zucken? Ist das leise Winseln und Knurren, das der schlafende Hund ausstößt, eine Reaktion auf sein Traumerlebnis? Da Tiere nicht von ihren Träumen berichten können, wissen wir es nicht genau.

Wie lange schlafen Tiere?
Zu den Langschläfern gehört die Fledermaus, die täglich 20 Stunden schläft und der Igel mit 17-18 Stunden. Im Gegensatz dazu kommen Kuh, Pferd und Elefant mit lediglich drei bis vier Stunden Schlaf pro Tag aus.

Einen besonderen Schlaf hat der Delphin. Er schläft mit nur einer Gehirnhälfte, während die andere wach ist. Nach 30-60 Minuten vertauschen die Gehirnhälften ihre Rollen. Dann zeigt die bisher wache Hälfte ein Schlaf-EEG, während die andere wach ist. katze

 

DER TRAUM DES DSCHUANG DSI

Es zeigte einst vor zween tausend Jahren
Meister Dschuang Dsi einen Schmetterling,
“Ich war” — sprach er verwundert und zerfahren,
“Ich war im Traum dies flatterhafte Ding.”

“Ein Schmetterling” — sprach er — “ein bunter Falter,
Der flatterte und sprang im Sonnenlicht,
Er ahnte nichts von meinem Sinn und Alter,
Da wacht ich auf — und jetzt, jetzt weiss ich nicht,

Ich weiss es nicht” — so sprach der Meister weiter —
“Und der Gedanke quält mich fürchterlich:
Träumte Dschuang Dsi von dem Flügelweiter
Oder träumt jener frohe Falter mich?”

Ich lachte laut: “Du scherzt, Du mein Gestalter,
Du bist es: Dschuang Dsi, lebendig, echt!”
Er lächelte: “Auch mein geträumter Falter
Glaubte so fest und sicher an sein Recht.”

Ich zackte meine Schulter und schien heiter,
Aber ich fühlte es wie einen Riss,
Ich dachte durch zweitausend Jahre weiter
Und ich bin meiner mehr als ungewiss:

Der wahre Satz ist flüchtig, bald verhallt er
Und alles ist nur Bild und Träumerei,
Ich glaube Dschuang Dsi erträumt den Falter
Der Falter ihn und ich uns alle drei.

(Lörincz Szabó – Übersetzung: Sándor Lénárd)


* Dschuang Dsi (365-290 v. Chr) war ein taoistischer Philosoph und Schriftsteller, stark vom Konfuzianismus beeinflusst, von dem er sich im Lauf seiner Entwicklung abwandte. Hauptwerk: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Nach Laotse der bedeutendste chinesische Philosoph.

** “Werde der du bist.” Dieser in der Geschichte häufig zitierte Satz stammt von Pindaros aus Theben (ca. 522/518-446 v.Chr). Liest man den Originaltext nach (Pythische Gedichte 2, 72), so zeigt sich, dass er um ein entscheidendes Wort verkürzt wurde. Die vollständige Übersetzung lautet: “Erkenne, wer Du im Kern deines Wesens bist, und dann werde es.”


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