Horizonte 10 – Teil B (Takimo 34)

Betrachtet man die Architektonik des Bewusstseins, wie sie in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (KrV) dargestellt wird, dann zeigt sie sich in der Gestalt einer Pyramide. Ganz oben auf der Spitze als höchster Einheitspunkt, die transzendentale Apperzeption, das „Ich bin“. Unten gleichsam der Boden der Pyramide, das Ding-an-sich.

In der ersten Auflage der KrV hat Kant noch die Vermutung geäußert, dass das „Ich bin“ und das Ding-an-sich ein und dasselbe sein könnten. Aus der zweiten Auflage ist sie dann aber wieder Verschwunden. Diese kleine, eher nebensächliche Bemerkung hat sich als folgenreich für die weitere Entwicklung der Philosophie erwiesen. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814, dt. Philosoph) in der Nachfolge von Kant nimmt diesen Gedanken auf und baut ihn zu seiner „Wissenschaftslehre“ aus. Fichte ist ein begeisterter Anhänger Kants, aber zwei wesentliche Punkte gefallen ihm nicht an seiner Transzendental-Philosophie. Das Eine ist das Ding-an-sich, das als ein unerklärliches Residuum (Rest) seiner Theorie liegen geblieben ist, das Andere die Kategorien, die Denkformen des Verstandes, die nach Fichtes Meinung zwar richtig aber nicht streng genug hergeleitet wurden.

Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) war ein deutscher Erzieher und Philosoph. Er gilt neben Kant, Schelling und Hegel als bedeutendster Vertreter des Deutschen Idealismus. Bild von Friedrich Bury (1763-1823), deutscher Maler

Bei Kant fällt das Erkennen der Welt in zwei monolithische Blöcke auseinander:

  1. das transzendentale Ich, das als rein apriorische Form und höchster Einheitspunkt zusammen mit den Anschauungs- und Denkformen (Kategorien) objektives Erkennen ermöglicht
  2. und eine nicht weiter durch das Ich bestimmbare Materie, das Ding-an-sich, ein unerklärliches Residuum, das durch das Ich nicht mehr erkannt werden kann.

Diesen Umstand will Fichte mit seiner „Wissenschaftslehre“ ändern.

An die Stelle eines unüberbrückbaren Dualismus von Ich und Ding-an-sich soll die Dreiheit Ich, Nicht-Ich und absolutes Ich treten.

Aus der Polarität von Ich und Nicht-Ich muss nach Fichte die ganze Welt der Erscheinungen hervorgehen. Da Fichte schlussendlich alles aus einem Ich deduzieren (ableiten) will, spricht man auch von einem subjektiven Idealismus im Gegensatz zu Kants kritischem Idealismus. Um Fichtes Ansatz zu verstehen, muss der Unterschied zwischen Kants und Fichtes Begriff des Ichs beachtet werden. Bei Kant ist das transzendentale Ich reine Form, ohne Inhalt. Dieser kommt erst durch ein Affiziertwerden des Bewusstseins mittels Materie (letztendlich dem Ding-an-sich) gleichsam von „außen“, als etwas Fremdes, in das System.

Fichtes Ausgangspunkt ist hingegen ein absolutes Ich (darum wird manchmal auch von einem absoluten Idealismus gesprochen). Absolut deshalb, weil es sämtliche Form als auch Inhalt (Materie) umfasst. Dies drückt Fichte in dem „Satz der Identität“ aus: „Ich bin Ich“ bzw. Ich=Ich.

D.h. das Ich als Subjekt des Satzes ist gleich dem Ich als Prädikat des Satzes. Das absolute Ich Fichtes ist ein Ich, indem Subjekt und Objekt identisch sind. Das anschauende Ich ist identisch mit dem, was angeschaut wird. In dieser intellektuellen Anschauung schaut sich das absolute Ich selbst. Diese Konzeption erinnert an Aristoteles ersten (unbewegten) Beweger, der das „Denken des Denkens“ ist.

Nun soll aber nach Fichte für ein endliches Ich, wie das des Menschen, auch gelten, dass das Ding-an-sich nicht mehr für immer ein Fremdes und Unerkennbares bleibt, sondern Teil des Ichs wird, also Ich=Nicht-Ich und wir bekommen neben dem „Satz der Identität“ (Ich=Ich), den „Satz des Widerspruchs“ (Ich=Nicht-Ich). Logisch liegen mit diesen beiden Sätzen eine These (Behauptung) und eine Anti-These (Gegenbehauptung) vor. Dieser Widerspruch wird durch eine Synthese aufgehoben: Das Ich kann nur Realität (These) und Negation (Anti-These) zugleich sein, insofern es ein limitiertes Ich (Synthese) ist. Die Grenze (Limes) ist Etwas, das Gegensätze trennt und dadurch nebeneinander bestehen läst; zugleich jedoch berühren sich an der Grenze die Gegensätze. Eine Kreislinie trennt die Gegensätze Außen und Innen. Die Kreislinie selbst ist keines von beiden oder vielmehr Außen und Innen zugleich.

Realität, Negation und Limitation entsprechen den drei Verstandeskategorien der Qualität. Nur durch ein limitiertes und damit endliches (Fichte nennt es teilbares) Ich kann es auch Kategorien der Quantität geben: Einheit, Vielheit und Allheit. Auch in der Kategorie der Quantität ist die dreifache Struktur von These (Einheit), Anti-These (Vielheit) und Synthese (Allheit) gegeben. Fichte leitet so aus dem dialektischen Dreischritt von These, Anti-These und Synthese alle 4×3=12 Kategorien des Verstandes her.

Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831, dt. Philosoph) wird den Dreischritt anwenden, um in seinem Werk „Phänomenologie des Geistes“ die Entwicklung des Bewusstseins zu beschreiben, beginnend mit der sinnlichen Gewissheit, dann weiter zur Bewusstseinsstufe der Wahrnehmung und der des Verstandes, bis hinauf zum Wissen der absoluten Idee als der Wahrheit alles Seins. Auf jeder Bewusstseinsstufe tauchen früher oder später Widersprüche auf, die nur durch eine neuerliche Synthese aufgehoben werden können. Gelingt dem Bewusstsein eine solche Synthese wird es auf eine höhere Stufe gehoben, wo zunächst die Synthese zu einer neuen These wird und dann das Spiel der dialektischen Gegensätze von neuem beginnt. Bei diesem Werdegang des sich entwickelnden Bewusstseins wird mit jeder Stufe der Schleier etwas durchsichtiger bzw. der Spiegel klarer und das Ich beginnt seine wahre Identität zu schauen. Hinter dem Schleier des Nicht-Ich verbirgt sich das absolute Ich.

Vereinfacht könnte man sagen, dass sich bei Kant das Ding-an-sich noch hinter einem undurchdringlichen Vorhang verbirgt, der zwar bei Fichte und Hegel auch nicht ganz verschwindet, aber beim Aufstieg zum absoluten Ich zumindest zunehmend an Transparenz gewinnt – oder, wie im Spiegelgleichnis, der Spiegel zunehmend klarer wird. In Fichtes Konzeption lässt sich unschwer das Platonische Sonnen- und Höhlengleichnis erkennen, gekleidet in die Sprache eines sehr abstrakten Idealismus.

Eine etwas klarere Vorstellung vom Fichteschen System erhält man im Kapitel „Deduction der Vorstellung“ seines Werkes „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“. Hier wird auf geometrische Weise, nach Analogie des Lichtes, der Zusammenhang zwischen absolutem Ich, teilbarem Ich und Nicht-Ich dargestellt, was für das Vorhaben einer Geometrisierung bzw. mathematischen Behandlung des Bewusstsein und dessen Zusammenhang mit den Naturwissenschaften, speziell der Physik, von nicht geringer Bedeutung ist:

Auf die ins Unendliche hinaus gehende Thätigkeit des Ich, in welcher eben darum, weil sie ins Unendliche hinaus geht, nichts unterschieden werden kann, geschieht ein Anstoss; und die Thätigkeit, die dabei keinesweges vernichtet werden soll, wird reflectirt, nach innen getrieben; sie bekommt die gerad’ umgekehrte Richtung.

Man stelle sich die ins unendliche hinausgehende Thätigkeit vor unter dem Bilde einer geraden Linie, die von A aus durch B nach C u.s.w. geht. Sie könnte angestossen werden innerhalb C oder über C hinaus; aber man nehme an, dass sie eben in C angestossen werde; und davon liegt nach dem obigen der Grund nicht im Ich, sondern im Nicht-Ich.

Unter der gesetzten Bedingung wird die von A nach C gehende Richtung der Thätigkeit des Ich reflectirt von C nach A.

Aber auf das Ich kann, so gewiss es nur ein Ich seyn soll, gar keine Einwirkung geschehen, ohne dass dasselbe zurückwirkte. Im Ich lässt sich nichts aufheben, mithin auch die Richtung seiner Thätigkeit nicht. Mithin muss die nach A reflectirte Thätigkeit, insofern sie reflectirt ist, zugleich zurückwirken bis C.

Und so erhalten wir zwischen A und C eine doppelte mit sich selbst streitende Richtung der Thätigkeit des Ich, in welcher sich die von C nach A als ein Leiden, und die von A nach C als blosse Thätigkeit ansehen lässt; welche beide ein und ebenderselbe Zustand des Ich sind.

Dieser Zustand, in welchem völlig entgegengesetzte Richtungen vereinigt werden, ist eben die Thätigkeit der Einbildungskraft: und wir haben jetzt ganz bestimmt das, was wir oben suchten, eine Thätigkeit, die nur durch ein Leiden, und ein Leiden, das nur durch eine Thätigkeit möglich ist. – Die zwischen A und C liegende Thätigkeit des Ich ist eine widerstehende Thätigkeit; aber eine solche ist nicht möglich ohne ein Reflectirtseyn seiner Thätigkeit; denn alles Widerstehen setzt etwas voraus, dem widerstanden wird: sie ist ein Leiden, insofern die ursprüngliche Richtung der Thätigkeit des Ich reflectirt wird; aber es kann keine Richtung reflectirt werden, welche. nicht als diese Richtung, und zwar in allen Puncten derselben, Vorhanden ist. Beide Richtungen, die nach A und die nach C, müssen zugleich seyn, und eben dass sie zugleich sind, löst die obige Aufgabe.

Der Zustand des Ich, insofern seine Thätigkeit zwischen A und C liegt, ist ein Anschauen; denn Anschauen ist eine Thätigkeit, die nicht ohne ein Leiden, und ein Leiden, das nicht ohne eine Thätigkeit möglich ist.

(Johann Gottlieb Fichte, „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“, Kapitel: Deduction der Vorstellung)

Das Schweben der Einbildungskraft (auch Imaginations- oder Vorstellungskraft genannt) als das Gleichgewicht zweier entgegengesetzter Richtungen (blauer und roter Pfeil, Angeschautes als Empfindung und ein Anschauen als Tätigkeit). Der von A nach unendlich gehende gelbe Pfeil symbolisiert das absolute Ich, das nach Fichte reine Tätigkeit ist, und im Punkt C einen Anstoß (Reflexion) erfährt. Bild: Polaris Hörspiele

Das absolute Ich ist hier symbolisch als ein bei Punkt A beginnender und über B, C, D … bis in die Unendlichkeit hinaus gehender Lichtstrahl reiner Tätigkeit dargestellt. Bliebe es dabei, gäbe es nur das absolute Ich. Durch einen Anstoß, wie Fichte es nennt, kann aber das absolute Ich beispielsweise am Punkte C (oder jedem beliebigen anderen Punkt) reflektiert (angestoßen) werden. Das Nicht-Ich ist der Grund für den Anstoß und dass die ursprünglich absolute Tätigkeit teilweise wieder zurück zum Ausgangspunkt A reflektiert wird. Um im Punkt A nicht nur ein passiv empfindendes teilbares Ich zu haben, muss die Reflexion CA zurück nach C wirken, womit auch ein tätiges teilbares (d.h. endliches) Ich gegeben ist. Die von C nach A gehende Reflexion ist dabei ein Angeschautes und die von A nach C ein Anschauen als Tätigkeit.

Die unser Bewusstsein affizierende Materie, ist nach diesem philosophischen Modell teilweise reflektierte absolute Tätigkeit eines absoluten Ichs.

Auf einer endlichen Bewusstseinsstufe erscheint das absolute Ich in zweifacher Weise. Im Außen als ein Gegenstand und im Inneren als endliches und begrenztes Ich – Objekt und Subjekt. Auf der höchsten Bewusstseinsstufe verschmilzt beides in einer intellektuellen Selbstanschauung zur absoluten Identität, zum Selbst.

Arthur Schopenhauer (1788–1860, dt. Philosoph) wird aus der absoluten Tätigkeit des absoluten Ichs den blinden Weltwillen machen, der sich in der leblosen Materie als Naturkraft und im Menschen als menschlicher Wille kundtut. Die gesamte sichtbare Welt und damit auch der menschliche Leib ist ihm objektiver Wille. Das Auge als ein materielles Objekt ist ein von außen angeschautes, objektiviertes Sehenwollen und der Fuß ein von außen angeschautes, objektiviertes Gehenwollen. Nachzulesen in „Die Welt als Wille und Vorstellung“.

Nach Fichtes „Deduction der Vorstellung“ ist das Angeschaute und die damit verbundene Empfindung durch einen – die ursprünglich in die Unendlichkeit hinausgehenden Strahlen (die absolute Tätigkeit) – begrenzenden und reflektierenden Anstoß eines Nicht-Ich bedingt. Wie in den letzten Lexikonpunkten gezeigt, können die verschiedenen Raumzeiten der Physik auf der Basis Projektiver Räume aufgebaut werden. Das sind alle 1-dim Unterräume (Geraden), die durch den gemeinsamen Nullpunkt eines Koordinatensystems gehen. Durch Angabe einer Punkte-Mannigfaltigkeit (Fläche) und eines projektiven Lichtkegels als ein invariantes Fundamentalgebilde (Absolutfigur) der zugehörigen Transformationsgruppe, wird schließlich die entsprechende Physik auf dieser Mannigfaltigkeit konstruiert. Die formale Ähnlichkeit zwischen Fichtes „Deduction der Vorstellung“ und der Konstruktion physikalischer Raumzeiten ist nicht zu übersehen, wenn darauf geachtet wird, dass solche Mannigfaltigkeiten die Geraden durch das Koordinatenzentrum (der Punkt A bei Fichte) in bestimmten Punkten schneiden und diese Geraden dadurch „begrenzen“.

Gibt man diesen 1-dim Geraden eine Richtung, die einmal vom Koordinatenzentrum weg- und ein andermal hinzeigen, dann erhalten wir an Stelle der Geraden Strahlen und die formale Ähnlichkeit wird noch stärker. Das versetzt uns in die Lage, auf mathematische Weise von Perzeption und Projektion zu sprechen.

Ganz durchsichtig wird die Konstruktion aber erst, wenn uns eine konforme Raumzeit zur Verfügung steht. Was eine solche konforme Raumzeit ist und welche Bedeutung ihr für eine Vereinigung von Physik und Philosophie zukommt, soll in den kommenden Betrachtungen analysiert werden.

Zum Schluss noch ein Wort zu Fichte. Ein zentrales Thema seiner Philosophie ist das „Schweben der produktiven Einbildungskraft“:

Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunct; nur die Vernunft setzt etwas Festes, dadurch, dass sie erst selbst die Einbildungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt; […] Jenes Schweben eben bezeichnet die Einbildungskraft durch ihr Produkt; sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens, und durch dieses Schweben hervor.

(Johann Gottlieb Fichte, „Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre“)

Einbildungskraft steht Synonym für Imaginationskraft (oder auch Vorstellungskraft). Darum verwundet es nicht, dass Fichtes Philosophie auch auf das künstlerische Schaffen seiner Zeit großen Einfluss hatte und zu einem Grundmotiv frühromantischer Poetik, insbesondere bei Novalis, wurde:

Novalis (1772-1801), Künstlername für Friedrich von Hardenberg, war ein bedeutender deutscher Schriftsteller und Philosoph der Frühromantik. Gemälde von Franz Gareis um 1799

Frey seyn ist die Tendenz des Ich – das Vermögen, frey zu seyn, ist die productive Imagination – Harmonie ist die Bedingung ihrer Thätigkeit – des Schwebens zwischen Entgegengesezten. Sey einig mit dir selbst ist also Bedingungsgrundsatz des obersten Zwecks – zu Seyn, oder Frey zu seyn. Alles Seyn, Seyn überhaupt ist nichts als Freyseyn – Schweben zwischen Extremen, die nothwendig zu vereinigen und nothwendig zu trennen sind. Aus diesem Lichtpunct des Schwebens strömt alle Realität aus – in ihm ist alles enthalten – Object und Subject sind durch ihn, nicht er durch sie.

Ichheit oder productive Imaginationskraft, das Schweben – bestimmt, produciert die Extreme, das wozwischen geschwebt wird – Dieses ist eine Täuschung, aber nur im Gebiete des gemeinen Verstandes. Sonst ist es etwas durchaus Reales, denn das Schweben, seine Ursache, ist der Quell, die Mater aller Realität, die Realität selbst.

(Novalis, Fichte-Studien Nr. 554;II,2,266)